Unser Schulalltag: Von Schweigefüchsen, Schleichdiktaten und Sternstunden

„Stand up, turn around, reach up high and touch the ground, lesson´s fine, say good morning, everybody sit down please!“

Mit genau diesem Text begrüßen unsere Schüler Tom und mich jedes Mal singend, wenn wir zu ihnen in den Klassenraum kommen. Die Kinder sind so gut wie immer voller Energie und stehen bereits vor den Stunden an der Tür des Klassenraums und rufen unsere Namen sowie den Namen des Fachs, welches wir in der kommenden Stunde bei ihnen unterrichten.

Auf dem Weg zur Schule

Seit September sind Tom und ich Lehrer an der „Blandina Neema School“. Auf die Schule gehen etwa 200 Schülerinnen und Schüler, die zum Großteil auch im Internat leben. Es gibt sieben Jahrgangsstufen mit jeweils einer Klasse sowie eine Vorschulklasse.

Neben uns Freiwilligen unterrichten noch sechs weitere Lehrer und vier Schwestern an der Schule.

Insgesamt 18 Mal hören wir dann den Begrüßungssong in einer Woche, da wir hier die 1.-3. Klasse jeweils zwei Schulstunden in der Woche in den Fächern Deutsch, Sport und Kunst unterrichten.

Um ehrlich zu sein, wurden wir auch hier am Anfang ziemlich ins kalte Wasser geworfen:

Nach unserer Ankunft im Projekt haben wir am Sonntagabend eine kurze Einführung von der Schulleiterin Ms. Magdalena erhalten und am nächsten Tag ging es dann auch schon für uns in die Klassen.

In den Fächern Sport und Kunst haben wir offizielle Lehrpläne vom Ministerium, an die wir uns halten müssen.

Den Deutschunterricht können wir sehr frei gestalten, da es für diesen keinen Lehrplan gibt. Deutsch wird an unserer Schule auch lediglich in den ersten drei Klassen unterrichtet, sodass es uns wichtig ist, den Schülern in diesem Fach die Begrüßung auf Deutsch sowie themenbezogen die wichtigsten Vokabeln beizubringen.

Mit unserer Aufgabe sind wir so auch den ganzen Vormittag beschäftigt, weil wir neben der Unterrichtszeit in den Klassen ebenfalls jede Stunde auf zwei Seiten vor- und nachbereiten müssen. Außerdem sammeln wir häufig die Hefte der Schüler ein, um deren Arbeit, die aus den Stunden hervorgegangen ist, zu benoten und uns ein Bild von dem jeweiligen Schüler zu machen.

Lernen im Klassenraum

Die Unterrichtsstunden an sich verlaufen sehr unterschiedlich:

Weil Englisch in Namibia nach der Unabhängigkeit zur offiziellen Landessprache ernannt wurde, findet an unserer Schule der gesamte Unterricht auf Englisch für die Kinder statt. Lediglich in einem separaten Schulfach bekommen die Kinder ihre Muttersprache „Oshivambo“ gelehrt.

Während ich in der 3. Klasse meine erste Englischstunde hatte, sprechen die Kinder hier vor allem in der 2. und 3. Klasse ein für ihr Alter ausgesprochen gutes Englisch. Die Sprachbarriere ist demnach gering und es ist gut möglich, den Kindern unsere Methoden und Lerninhalte zu vermitteln.

Oftmals erinnern wir uns an unsere eigene Schulzeit zurück und versuchen Methoden, die wir dort kennengelernt haben, auch hier zu integrieren.

So haben wir in Deutsch den Kindern mit einem „Schleich-Diktat“ neue Vokabeln beigebracht: Wir verteilten die neuen Wörter, geschrieben auf Zetteln, auf dem Boden des Klassenraums. Die Kinder mussten dann zu einem Wort schleichen, sich dieses merken und dieses dann in ihr Heft übertragen, bevor es mit dem nächsten Wort weiterging.

In Kunst haben wir Farben schon in warme und kalte Farben unterteilt und die Kinder hatten dann den Auftrag, ein Bild mit ausschließlich warmen – und ein Bild mit kalten Farben zu malen.

Arbeitsaufträge wie diese klappen meistens echt gut und viele Kinder kommen zu einem soliden Ergebnis.

Es gibt jedoch auch Stunden, in denen es nach dem Begrüßungssong leider nicht mehr ganz so geordnet in den Klassen weitergeht:

Meistens hat irgendein Kind einem anderen den Stift weggenommen und es beginnen turbulente Verfolgungsjagden durch den Klassenraum. Andere Kinder krabbeln unter den Stühlen und klettern auf die Tische, während sich wiederum andere mit selbstgebastelten Papierkugel-Pistolen abschießen. Manche Kinder werden auch schnell handgreiflich, wenn es um die Lösung von Konflikten geht, sodass man auch schnell einmal mehrere weinende Kinder auf ihren Plätzen vorfindet.

In solchen Situationen beherrscht ein gewaltiger Lautstärkepegel den Klassenraum und es ist echt schwierig, dagegen anzukommen und für Ruhe zu sorgen.

Wenn ein Kind in Namibia im Unterricht nicht gehorcht, kommt es hin und wieder vor, dass es dafür von den Lehrern oder den Schwestern mit (meistens leichten) Schlägen bestraft wird.

Wir würden natürlich nie auf die Idee kommen, solche Methoden in unseren Stunden einzusetzen, aber genau hier liegt dann die Schwierigkeit, uns eine Autorität vor den Kindern aufzubauen und sie auch ohne Gewalt zum Lernen und zur aktiven Teilnahme am Unterricht zu motivieren.

Die Kinder wissen nach ein paar Wochen nun einmal ganz genau, dass sie bei uns in den Stunden keine Schläge zu befürchten haben, sodass es häufiger mal zu der oben beschriebenen Situation kommt.

Um das Problem zu lösen, haben wir zum Beispiel in den Sportstunden bereits nach wenigen Tagen ein „Stern-Stunden-Prinzip“ entwickelt und eingeführt: Wenn sich die Klasse gut benimmt, kleben wir nach der Stunde einen gebastelten Stern auf ein Plakat im Klassenraum.

Wenn eine Klasse 5 Sterne gesammelt hat, spielen wir in der nächsten Sport-Stunde Fußball. Dieses System zeigt bereits erste Erfolge und oftmals werden die Kinder leise, wenn man sie daran erinnert, dass sie sonst keinen Stern bekommen.

Und der Schweigefuchs (wir nennen ihn hier „The fox of silence“) bringt auch wahre Wunder! 😀

Sitzkreis im Sportunterricht
„Running-Game“, welches die Kinder gerne spielen.
Abklatschen – Es hat ein wenig gedauert, bis die Kinder verstanden haben, dass sie nicht einfach loslaufen dürfen, wann sie möchten, sondern auf den vorherigen Läufer warten müssen.

Ein Problem, was Tom und mir vor allem in der ersten Klasse auffällt, ist, dass das Leistungsniveau der einzelnen Schüler sehr unterschiedlich ist:

Es gibt Schüler, die in ihrem Verhalten und Auftreten in der Klasse relativ offensichtliche Lernschwächen zeigen, sofern ich das beurteilen kann. Wenn wir uns nicht neben eins dieser Kinder setzen und mit ihnen zusammen die Aufgaben machen, werden die Arbeitsblätter oftmals gar nicht bearbeitet.

Hinzu kommt, dass es natürlich auch sehr gute Schüler in den Klassen gibt, die die Aufgaben richtig, selbstständig und zügig bearbeiten. Hier ist für uns immer noch eine große Herausforderung, die passenden Aufgaben zu finden, um möglichst jeden da abzuholen, wo er gerade steht.

Insgesamt bin ich sehr froh darüber, dass wir hier eine so verantwortungsvolle und komplexe Aufgabe während unseres Freiwilligendienstes haben.

Bis zur 7. Klasse war es immer mein Wunsch, Lehrer zu werden. Auch wenn ich mich von diesem in den letzten Jahren immer mehr abgewandt habe, da für mich andere Berufsfelder interessanter wurden, bin ich sehr froh, diesen Beruf hier für ein Jahr ausüben zu dürfen. Obwohl es nicht immer leicht ist, macht mir die Arbeit mit den jungen Schülern einfach Spaß und es ist immer wieder toll zu sehen, wenn einzelne Kinder Fortschritte machen und sich weiterentwickeln!

Auch Tom und ich lernen Tag für Tag dazu und werden immer besser, die richtigen Aufgaben für die Kinder zu finden und uns vor den Klassen durchzusetzen.

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